tl;dr/Zusammenfassung: Wie verwandelt man eine historische Beschriftung in einen digital nutzbaren Font? Im Rahmen meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt und Methoden entwickelt, um ein wichtiges Erbe zu erhalten. Die historische Schriftart "Eisenhart" gibt's hier zum Download.

Aus dieser Schrift habe ich eine praxistauglichere Schrift abgeleitet, die sehr bald hier zum Download bereitssteht und auf den Namen "Eisenharts Erbe" hört.

Einleitung

Das historische Gebäude ist in der Kleinstadt Schwandorf zu finden. Die Firma J. Eisenhart & Co. ist seit den 60er Jahren nicht mehr existent. Kurz nach dem Krieg (etwa 1946 oder 1947) wurde die Beschriftung an der Giebelseite des Haupthauses angebracht.

Es ist unklar, was mit den Gebäuden in Zukunft passiert. Große Teile des Geländes sind bereits stark vom Verfall betroffen. Einige wenige Hallen sind vermietet. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Gebäude sehr bald zum Abriss freigegeben werden. Ob der bayrische Denkmalschutz diesem Abriss zuvorkommt, halte ich für zweifelhaft.

Ein kleines Relikt möchte ich allerdings gerettet wissen. Die Formen der Buchstaben der Beschriftung. Sie sollen als digitaler Font weiterleben dürfen und so das Andenken an den Schriftmaler und an die Firma Eisenhart bewahren.

Prozedur

Um die Schrift zu digitalisieren habe ich mit meiner angestaubten Kamera (ja, ich war noch Student und meine heutige Nikon D800 war noch in seeeehr weiter Ferne) diverse Fotos der Fassade gemacht. Obige Grafik zeigt es: Bedingt durch die bauliche Situation musste ich de Schrift schräg von unten und noch dazu in Schieflage fotografieren. Die Buchstaben auf dem Foto waren daher leicht in zwei Richtungen verzerrt.

Den Fehlerwinkel in der horizontalen Ausrichtung habe ich als Elevationswinkel (Wikipedia dazu), den Fehler in der Perspektive als Azimut (Wikipedia) bezeichnet und entsprechend ausgerechnet.

Um das Bild zu entzerren habe ich mit der Funktion "Perspektivkorrektur" in Adobe Camera Raw gearbeitet. Leider fand ich keine Software, die die Entzerrung durch die Eingabe von Winkelangeben vornehmen konnte – sollte jemand etwas wissen – ich freue mich über eine Mail!

Nach der Entzerrung (und etwas Nachschärfung) habe ich das Bild in Illustrator geöffnet. Um etwaigen Nachfragen zuvorzukommen: Die Nachzeichnerfunktion ist für die Schriftentwicklung ungeignet, da:
  • Kurven und Ecken unschön interpretiert werden (eine 90°-Ecke wird manchmal als enge Kurve dargestellt, ein sehr flacher Bogen als Konglomerat aus diversen Eckpunkten)
  • ein erklärtes Ziel eines vektorisierten Buchstabens ist, dass die endgültige Form so wenig Ankerpunkte wie möglich benötigen sollte – der Nachzeichner jedoch erst ab >150 Ankern eine halbwegs brauchbare Glyphenform zustande brachte
  • Binnen und Innenräume (die Punze des Buchstabens "O") nur in Ausnahmefällen korrekt interpretiert werden und teilweise Pfadformen falsch oder unzureichend geschlossen wurden.
Kurz: Die Nachzeichnerfunktion hätte aufwändige Nachbearbeitung nach sich gezogen, daher habe ich die Buchstaben von Grund auf neu entwickelt.

Geburt eines Buchstabens – die Rastermethode

Da die Vorlage an der Fassade nur die Buchstaben C, E, H, I, J,N, O, R, S und T aufweit mussten die fehlenden Zeichen anhand der Vorlage rekonstruiert werden. Ein großes Problem dabei: Wie schafft man es, dass die neuen Zeichen eindeutig mit den bestehenden Buchstaben verwandt sind?
Ein kurzer Exkurs dazu: Es existiert nahezu keine Fachliteratur zum Thema Schriftgestaltung. Die meisten Texte schneiden das Thema nur am Rande an oder vertiefen sich in reine Vektorgeometrie. Wie man jedoch unabhängig von Tools eine Schrift erstellt, die nicht nur aus frei zusammengewürfelten Buchstaben besteht, das findet sich kaum in der Literatur. Ein einziges Werk von 1953 umreisst alle relevanten Details der Schriftgestaltung vollkommen. Ich empfehle euch ganz klar das Buch: "Schrift geschrieben, gezeichnet und angewandt" von Ernst Bentele (Amazon-Link ohne Affiliate-Mist: Link). Leider ist das Werk nur in der Originalausgabe erhältlich. Ich hoffe, es findet sich bald ein Verlag, der sich dieser Perle annimmt und neu auflegt.
Um nun die fehlenden Zeichen von der Vorlage ableiten zu können, habe ich versucht die damaligen Entwurfsentscheidungen des Schriftgestalters nachvollziehen zu können. Es fällt auf, dass alle Zeichen mittels Rastern konstruiert wurden. Die einzelnen Raserformen dienten dann dazu, neue Zeichen abzuleiten.
Eine Ausnahme bestand allerdings: Das Versale S in der Vorlage wurde offensichtlich freihand gezeichnet. Warum der damalige Schriftgestalter diese Entscheidung traf, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, zumal konstruktive Lösungen der Zeichenform möglich sind.